20. Juli 2018
Massenmedien lügen nicht…

…, sie rühren uns nur ein täglich Wort- und Fak(t)e(n)-Süppchen an. Dazu sei ein Auschnitt aus einem fiktiven Dialog in der Hölle zwischen dem Machttheoretiker Niccolo Machiavelli (1469-1527) und dem Staatsphilosophen Charles Montesquieu (1689-1755) zitiert.

 

„Machiavelli: […] Heutzutage handelt es sich bei der Ausübung der Regierungsgewalt nicht mehr darum, gewalttätige Rechtsbrüche zu begehen, seinen Feinden den Kopf abzuschlagen, seine Untertanen auszuplündern und sie ihres Eigentums zu berauben, möglichst viele hinzurichten. Nein, der Tod,die Plünderung und die körperlichen Folterqualen können heute nur noch eine ziemlich untergeordnete Rolle in der innerern Politik moderner Staaten bilden.

 

Montesquieu: Glücklicherweise.

[…]

Machiavelli: Es handelt sich heutzutage weniger darum, die Menschen zu vergewaltigen, als darum, sie zu entwaffnen, ihre politischen Leidenschaften einzudämmen, als sie ganz auszulöschen, nicht darum, ihre Instinkte zu bekämpfen, als sie irrezuleiten, nicht ihre Ideen in Acht und Bann zu tun, als vielmehr darum, sie in eine andere Richtung zu lenken, und zwar dadurch, daß man sie sich aneignet.

 

Montesquieu: Und wie meinen Sie das? Ich vestehe das nicht.

 

Machiavelli: […] Das Hauptgeheimnis der Regierungskunst besteht darin, den öffentlichen Geist zu schwächen, und zwar so sehr, daß er sich nicht mehr für die Ideen und Prinzipien interessiert, mit denen man heute die Revolutionen macht. Zu allen Zeiten haben sich die Völker und ebenso die einzelnen Menschen an Worte gewöhnt. Der Schein genügt ihnen fast immer. Sie wollen gar nicht mehr. […] Man muß das Talent haben, sich von allen Parteien die freiheitlichen Redensarten anzueignen, die sei als Waffen gegen die Regierung brauchen. Man muß die Völker damit füttern bis zum Überdruß. Heute spricht man so oft von der Macht der öffentlichen Meinung. Ich werde Ihnen zeigen, dass man diese öffentliche Meinung dazu bringen kann, all das auszusprechen, was man selbst will, wenn man nur die verborgenen Triebfedern dieser Macht kennt. Aber ehe man daran denken kann, die öffentliche Meinung zu lenken, muß man sie verwirren, sie durch verblüffende Widersprüche unsicher machen, durch unaufhörliche Ablenkungen auf sie einwirken, sie durch alle möglichen Sensationen blenden und sie unmerklich vom rechten Wege abbringen. Eines der großen Geheimnisse unserer Zeit ist es, sich der Vorurteile und Leidenschaften des Volkes so zu bedienen, dass man eine Verwirrung der Grundsätze herbeiführt, die jede Verständigung zwischen Menschen, die dieselbe Sprache sprechen und dieselben Interessen haben, unmöglich macht.

 

Montesquieu: Wo wollen Sie mit diesen Worten hinaus, deren dunkler Sinn etwas Schreckliches ahnen läßt?

 

Machiavelli: Wenn der brave Montesquieu das moralische Gefühl an die Stelle der Politik setzen will, dann muss ich hier aufhören. […]“

 

 

In: „Dialogue aux enfers …“, von Marice Joly. um 1864 (!), Übers.:  Hans Leisegang, Dtv 1968 (dt: Macht contra Vernunft), S. 57ff.

 

Dieses Streitgespräch um „das begriffslose Werden eines [neuen] Bewußsteins“ (J.C.Horn) mit der fatalen Niederlage Montesquieues brachte seinem Verfasser 18 Monate Gefängnis und sozialen Ruin ein. Der Text wurde dann um 1900 von anonymen Schreibern mit dem Titel „Protokolle der Weisen von Zion“ teils abgeschrieben, teils paraphrasiert, verdreht und so schließlich im Umfeld der Hitler-Goebbels-Bande zum Bestseller und zu einer der Grundlagen des Holocaust. Pikantes Detail: Das braune Propagandasüppchen der Faschisten wurde Im Gegensatz zum bunten Infotainmentbrei der heutigen so genannten „Öffentlich-Rechtlichen“ Medien nicht durch eine Zwangsabgabe finanziert.