14. April 2020
Eine Glühbirne rettet die Welt…

[…] Birne lässt Superman stehen. Sie überquert die Lüneburger Heide und katapultiert sich nach England. Vielleicht haben die Soldaten die Insel ja noch nicht erreicht. Doch in England erlebt Birne ihre schlimmste Enttäuschung. Sie trifft die zerlumpten und todtraurigen Beatles. Georges Haare sind abgebrannt, er hat nur noch eine verschorfte Glatze. Ringo ist klapperdürr geworden und lacht nicht mehr. Paul hat seine Gitarre verloren, die letzte Seite trägt er um den Hals gewickelt. Und John muss sich halbblind durch die Gegend tasten, seine Brille ist zerbrochen, neue Brillen gibt es im Krieg nicht.

„Mit uns ist es aus“, sagen die Beatles, „wir sind erledigt. Außer Marschmusik will keiner mehr was hören. Unser Geld ist weg, das Elend wird so hoffnungslos, dass uns zu diesen Zuständen nichts mehr einfällt.“
„Rettet euch, rettet euch“, ruft Birne und beginnt, das Lied von Yellow Submarine zu singen.

„Kaputt, voll Löcher, untergegangen, verloren“, sagt John.

„Ihr kennt die besten Zeichner und Filmemacher“, sagt Birne. „Sie können euch sofort wieder ein gelbes Unterseeboot entwerfen, dann seid ihr gerettet. Ihr taucht bis zum Meeresgrund und bleibt bei den leuchtenden Tiefseefischen, bis der Krieg vorbei ist.“
„Ein paar Zeichnen und Filmemacher sind tot“, sagt Ringo. „Alle andern sind in die Kriegsindustrie gegangen und zeichnen jetzt Raketen.“
Die Beatles wanken weiter, stützen sich gegenseitig und müssen nach ein paar Schritten schon wieder stehen bleiben, um keuchend Luft zu holen. Um sie herum schlagen Granaten ein, bis jetzt wurden sie noch nicht getroffen.
Da schiesst Birne vor Wut senkrecht in die Höhe und schreit: „Es ist eine Schande, dass man sich nicht einmal mehr auf Märchenfiguren verlassen kann! Der Krieg macht alles kaputt! Wenn der Krieg nicht sofort aufhört, dann stürze ich die ganze Welt in Kälte und Finsternis!“

Birne sagt zu allen Kerzen, Fackeln, Funken, Streichhölzern, Glühbirnen, sie sollen nicht mehr brennen. Sie geht zu jedem, der mit Wärme zu tun hat und überredet ihn, nicht mehr mitzumachen. Zu den Bakterien sagt sie, sie sollen Winterschlaf halten.

Und so geht der Krieg zu Ende.

Da reisst Pippi Langstrumpf sich den Schutzanzug herunter und klettert auf den nächsten Baum. Der standhafte Zinnsoldat, der bereits untergegangen war, taucht wieder auf und schwimmt in seiner Milchtüte weiter. Flipper schlägt das Wasser mit den Flossen und Winnetou hört auf zu weinen und klettert zu Pippi auf den Baum, wo schon Superman sitzt und sich seinen zerrissenen Mantel flickt.

Zuletzt kommen die Beatles angetrippelt und fragen schüchtern, ob sie auch auf den Baum dürfen. Superman hilft ihnen herauf. Sie sind noch schwach von den Anstrengungen des Krieges. Auf Georges Glatze beginnen feine indische Haare zu wachsen. Ringo isst bereits Spaghetti, die seine Oma gekocht hat. Paul spannt neue Saiten auf seine Gitarre, und John lässt sich von Superman eine neue Brille schleifen. Die Beatles spielen einen neuen Song. Winnetou stösst Indianertriller aus, Superman heult wie eine Sirene, und Pippi meckert wie eine Baumziege, was besonders Ringo freut, der sein Schlagzeug zwischen den Ästen aufgehängt hat. […]

In: Günter Herburger, Birne kann noch mehr, Luchterhand 1971, S. 121f (z.T. leicht gekürzt)