31. Juli 2022
Steppenwolf v/s Mozart

Wiederentdeckt: Ein Buch für Allah und Kain.

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Er hob die Hände, als dirigiert er, und ein Mond oder sonst ein bleiches Gestirn ging irgendwo auf, über die Brüstung blickte ich in unmeßbare Raumtiefen, Nebel und Wolken zogen darin, Gebirge dämmerten und Meergestade, unter uns dehnte sich weltenweit eine wüstenähnliche Ebene. In dieser Ebene sahen wir einen ehrwürdig aussehenden alten Herrn mit langem Barte, der mit wehmütigem Gesicht einen gewaltigen Zug von einigen zehntausend schwarzgekleideten Männern anführte. Es sah betrübt und hoffnungslos aus, und Mozart sagte:
„Sehen Sie, das ist Brahms. Er strebt nach der Erlösung, aber damit hat es noch eine gute Weile.“
Ich erfuhr, daß die schwarzen Tausende alle die Spieler jener Stimmen und Noten waren, welche nach göttlichem Urteil in seinen Partituren überflüssig gewesen wären.
„Zu dick instrumentiert, zuviel Material vergeudet“, nickte Mozart.
Und gleich darauf sahen wir an der Spitze eines ebenso großen Heeres Richard Wagner marschieren und fühlten, wie die schweren Tausende an ihm zogen und sogen; müde mit Duldnerschritten sahen wir auch ihn sich schleppen.
„In meiner Jugendzeit“, bemerkte ich traurig, galten diese beiden Musikanten für die denkbar größten Gegensätze.“
Mozart lachte.
„Ja, das ist immer so. Aus einiger Entfernung gesehen, pflegen solche Gegensätze einander immer ähnlicher zu werden. Das dicke Instrumentieren war übrigens weder Wagners noch Brahms‘ persönlicher Fehler, es war ein Irrtum ihrer Zeit.“

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Hermann Hesse, Der Steppenwolf, 1927 (Suhrkamp TB 1975 S 263 ff)


 




21. Juli 2022
Verflixt und verfeatured nochmal

H. Bölls Satire über den „öffentlich „rechtlichen“ Rundfunk“, in welcher Dr. Murke Bandschnipsel mit ausgeschnittenem Schweigen sammelt.

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[…]

Murke schwieg und Schwendling sagte: „Weißt Du schon das Neueste von Muckwitz?“

Murke schüttelte erst uninteressiert den Kopf, fragte dann aus Höflichkeit: „Was ist denn mit ihm?“

Wulla brachte das Bier, Schwendling trank davon, blähte sich ein wenig und sagte langsam: „Muckwitz verfeaturet die Taiga.“

Murke lachte und sagte: „Was macht Fenn?“

„Der“, sagte Schwendling, „der verfeaturet die Tundra.“

„Und Weggucht?“

Weggucht macht ein Feature über mich, und später mache ich eins über ihn nach dem Wahlspruch: Verfeature du mich, verfeature ich dich…“

Einer der freien Mitarbeiter war jetzt aufgesprungen und brüllte emphatisch in die Kantine hinein: „Kunst – Kunst – das allein ist es, worauf es ankommt!“

Murke duckte sich, wie ein Soldat sich duckt, der im feindlichen Schützengraben die Abschüsse der Granatwerfer gehört hat.

[…]

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aus: Dr. Murkes gesammeltes Schweigen, 1955

Bild: Welt am Sonntag, 23. Feb, 2020, S 15



 




20. Juli 2022
Kosmischer Tatbestand

Aus einem Buch, das ich in diese Nächte in Berlin auf der Straße fand:

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„So verwunderlich es dem vorwissenschaftlichen Menschen vorkommen mag, daß die Philosophie soviel Aufhebens macht von dem – angesichts der ungeheuren Größe des Weltalls – so winzigen Bewußtsein, das, wie man meint. nur in Menschenköpfen existiert, so bleibt dennoch die Tatsache, daß der Mensch um die größe dieses Weltalls nur durch dieses kleine Bewußtsein weiß, und daß, so gering und begrenzt es sein mag, das menschliche Bewußtsein doch zur Welt gehört, also daß es darum schon eine kosmische Tatsache ist.
Denn selbst wenn wirklich nur auf unserer kleinen Erde bewußte Wesen im gesamten Weltall existierten und selbst auf der Erde nur seit einigen Jahrhunderttausenden und vielleicht auch in der Zukunft nicht länger, ja selbst wenn es auf der Erde nur einen einzigen Menschen gäbe, der Bewußtsein hätte, trotzdem wäre dann das Bewußstsein ein kosmischer Tatbestand: denn damit gäbe es doch in der Welt Bewußssein und wenigstens in diesem einen Menschen wäre zugleich die Welt wissend und, wenn auch nur in groben Umrissen „gewusst“, Gegenstand des Bewußtseins.“

(Richard Müller-Freienfels: Der Mensch und das Universum. Mitgl. Volksverband Bücherfreunde, Wegweiser-Verlag Berlin, 1949, S. 81)

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Was mich an dem Text spannend finde, ist der spielerische Umgang mit Terminologie beim aus heutiger Sicht schon beinahe rührenden Versuch der Mystifizierung eines doch eher hausbackenen Atheismus. Typisches Machwerk eines deutschen Bürgers seiner Zeit. Laut Wikipedia war er in der NSDAP, wurde aber wegen „jüdischer Versippung“ entlassen. Was ihm später den Kopf gerettet hat – wie so vielen anderen auch.



 




12. Juli 2022
Visual Sound II

Hexenmeister, by Walter Klaey, Bern /CH



 




9. Juli 2022
Abwege

„Sie sind ein Bürger auf Irrwegen, Tonio […]“.



 




25. Juni 2022
Der Hunger

Ach, einmal nur […], kein Künstler sein, sondern ein Mensch!“ TM,1902



 




8. Juni 2022
Brief an den Vater

Ein anderes Archivdokument aus den frühen 1990iger Jahren: Skizze zu Kafkas „Brief“ mit Konstruktion aus Sprecher, Brumm, Bach, Bild.


 




31. Mai 2022
Heimat, was daraus geworden

Eine Liebeserklärung von 1988 an die Schweiz des King of Trash in Exile. Es finden sich nach meiner Diaspora die kunstsinnige Armee, alte Freunde, really hohe Berge friedlich zusammen auf Zelluloid vereint – urprünglich gedacht als Showreel für ein Landschafstheater. MIt Super8 gefilmt, in Schoeneberg im Hinterhof per drei Schleifen installiert und live an eine Wand projiziert. Per SVHS Videocam abgefilmt und in der Theaterpädagogikwerkstatt der HdK Bundesallee weiter verwurstet, mit sichtbar viel Lust an Superimpose Effekten und grellen Farben. Dazu unterlegt ein Auszug aus einer Klanginstallation im Keller eines Fabrikareals im Mattenhofquartier von Bern. Dies wiederum basiert auf Loops vom VierkanalTascam mit zwei Stereoanlagen wiedergegeben und Live Interaktion von Gerard Widmer und Antonio Albanello in dieser feuchten mehrräumigen Gruft. Aufgezeichnet durch Herumschleichen mit einem auf Bauhelm montierten Stereomikro auf Sony TCD5M Kassettenrekorder. 2007 im Hamburg optimiert für Smartfone..



 




Bild: Vanilla
 




24. Februar 2022
Himmel voller Geigen

Ein Lied von 1985 im „Gaskessel“ Bern mit Andreas Flückiger u. die Alpinisten , Aendu (†) zu Ehren. Alles war Klang u. Liebe.

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Bild: Volksbühne Berlin (Foto: Vanilla)



 




5. Februar 2022
Memento Anaconda

Ausschnitt aus einem Konzert in Bern von 1986 zur Erinnerung an den am 1.2.22 von uns gegangenen Dichter und Sänger Endo Anaconda. Am Schlagzeug sitzt Balts Nill, Trompete spielt Mich Gerber, ich zupfe eine Art elektrische Zuberbassgitarre und traktiere dazu das Klavier. Die Nummer ist ein typisches Beispiel für unser Bühnenkonzept, das im Gefolge von John Zorns Orchestra entstanden ist. Die „Alpinisten„- so hieß unsere Band – lebte von Endos Wortwitz und Stimmgewalt im Wechsel zu duchkomponierten Songs aller Stilrichtungen und modellhaft organisierten Sessions mit freier Improvisation. Später wurde er mit Balts Nill zusammen als „Stiller Has“ zum Schweizer Popostar (siehe Bild). Möge Anaconda im poetischen Olymp vereint mit Georg Kreisler und anderen Größen auf die Zukunft der Menschheit anstoßen.

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Audio: Andreas Flückiger und die Alpinisten

(Bildquelle: bei Balts Nill)



 




6. Januar 2022
Der Durchblick

Mit einem Werk von Monika Schuh zum Neuen Jahr voller Hoffnung.



 




24. Dezember 2021
Blue Moon

Spacy Christmas mit Dr.Hoeppners Astrocat IV – Lem 4 ever!



 




10. Dezember 2021
4-5-6-7

(4x5x6x7=840) Rekomp. der Konzertinstallation „Im Park“ von 1986, inspiriert durch Track „2/1“ aus B. Enos epochaler Music for Airports.

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(Bild: Brian Eno 1978)



 




5. Dezember 2021
News von der 10-Ton-Front

Miniaturen am umgebauten Ritter Mini Piano