20. Juli 2022
Kosmischer Tatbestand

Aus einem Buch, das ich in diese Nächte in Berlin auf der Straße fand:

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„So verwunderlich es dem vorwissenschaftlichen Menschen vorkommen mag, daß die Philosophie soviel Aufhebens macht von dem – angesichts der ungeheuren Größe des Weltalls – so winzigen Bewußtsein, das, wie man meint. nur in Menschenköpfen existiert, so bleibt dennoch die Tatsache, daß der Mensch um die größe dieses Weltalls nur durch dieses kleine Bewußtsein weiß, und daß, so gering und begrenzt es sein mag, das menschliche Bewußtsein doch zur Welt gehört, also daß es darum schon eine kosmische Tatsache ist.
Denn selbst wenn wirklich nur auf unserer kleinen Erde bewußte Wesen im gesamten Weltall existierten und selbst auf der Erde nur seit einigen Jahrhunderttausenden und vielleicht auch in der Zukunft nicht länger, ja selbst wenn es auf der Erde nur einen einzigen Menschen gäbe, der Bewußtsein hätte, trotzdem wäre dann das Bewußstsein ein kosmischer Tatbestand: denn damit gäbe es doch in der Welt Bewußssein und wenigstens in diesem einen Menschen wäre zugleich die Welt wissend und, wenn auch nur in groben Umrissen „gewusst“, Gegenstand des Bewußtseins.“

(Richard Müller-Freienfels: Der Mensch und das Universum. Mitgl. Volksverband Bücherfreunde, Wegweiser-Verlag Berlin, 1949, S. 81)

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Was mich an dem Text spannend finde, ist der spielerische Umgang mit Terminologie beim aus heutiger Sicht schon beinahe rührenden Versuch der Mystifizierung eines doch eher hausbackenen Atheismus. Typisches Machwerk eines deutschen Bürgers seiner Zeit. Laut Wikipedia war er in der NSDAP, wurde aber wegen „jüdischer Versippung“ entlassen. Was ihm später den Kopf gerettet hat – wie so vielen anderen auch.